Jack MA auf der WEF in Davos

Die Rede von Jack Ma auf der diesjährigen WEF in Davosfand enormen Anklang. Freilerner und auch Eltern, die genau wie ich kritisch zum gerade deutschen Schulsystem stehen, äusserten sich begeistert dazu. Viele von Euch haben mir freudig Links zum gleich folgenden Video geschickt- „Schau mal Olivia, genau, was Du sagst!“
Ich kann dem so nicht zustimmen, denn ich sehe hier eine Verwechslung.
Es ist großartig, dass das Thema auch öffentlich behandelt wird, und dies sicher dazu führt, dass zahlreiche Menschen beginnen, sich mit diesen wichtigen Themen auseinanderzusetzen. In meinen Augen ist jedoch nicht allein das Ergebnis entscheidend, anhand welchem wir Veränderung als positiv bewerten können. Ausschlaggebend sind für mich vor allem Motivation und Intention dahinter.

Bei der Revolution des Bildungssystems sollten für mich vor allem die natürlichen Bedürfnisse und Interessen des Kindes im Vordergrund stehen, statt Bildung allein unter gesellschaftlichen Aspekten zu betrachten. Kindheit sollte im Jetzt gelebt werden dürfen. So frei wie möglich, statt sie als Prozess der Formung, wirtschaftlich lohnender und funktionierender Bürger zu benutzen. Diese Denkweise macht Kinder zu Objekten und Mittel zum Zweck, was ich persönlich für falsch halte.

Gerne erkläre ich weiter unten anhand meiner Gedanken, die ich schon unter freiWERDEN schrieb, was mir an seiner, zugegebener Weise zunächst auch für mich positiv anmutenden Botschaft, doch auch gleichzeitig durchaus aufstößt. Wenn Du grad keine Zeit hast, Dich meine Sicht dennoch interessiert- lies einfach nur den hervorgehobenen Text.


JA- die Welt braucht heute keine Menschen mehr, die über soviel wie möglich im Bilde sind. Nicht in einer Zeit, in der sich wenig leichter „besorgt“ werden kann, als Wissen. In sehr vielen Fällen absolut ausreichend, dies erst dann zu tu, wenn es gebraucht wird.
Mit der immer weiterschreitenden Digitalisierung, wird es zudem ohnehin ganz bald schon für viele heute als erstrebenswert geltende Berufe, Maschinen und Roboter geben. Ich habe diesbezüglich wenig Zweifel und mitnichten Angst davor, sehe ich diese Entwicklung als unsagbar große Chance für die Menschheit, wieder ein stück weit zu sich selbst zu finden und dadurch mehr innere Freiheit zu erlangen. Die Welt braucht heute und (voraussichtlich auch) künftig Menschen, die den Dingen ihr Herz öffnen, ihnen ganzheitlich begegnen, sie somit auch ganzheitlich begreifen und deshalb mit Liebe und Enthusiasmus tun WOLLEN, statt nur arbeiten zu MÜSSEN. Die Welt braucht freie, zu SEIN und SCHAFFEN (=WERDEN), intrinsisch motivierte Menschen.
Nur solche Menschen sind wirklich zufriedene Menschen. Zufriedenheit ist meiner Meinung nach eine der Grundvoraussetzungen für Frieden. Frieden mit sich selbst, in der Familie, der Gesellschaft und letztlich ja, so abgedroschen es klingen mag- Frieden auf dieser Erde!
Dazu braucht es Fähigkeiten, die bereits in jedem von uns von Natur aus angelegt sind. Softskills, wie Empathie, Begeisterungsfähigkeit und den natürlichen Wunsch zu einem echten Miteinander. Damit diese Anlagen sich zunächst voll entfalten und dann aber auch nicht im Laufe von Erziehung und elterlicher, später schulischer Prägung abhanden kommen, ist es wichtig den Begriff Kindheit neu und angemessen zu definieren.
Angemessen gemessen an dem, was ein Kind ist- ein vollwertiges, ernstzunehmendes, wenn auch schützenswertes Mitglied der Gesellschaft. Ein Mensch, wie jeder andere auch. Kleiner, aber ebenso wertvoll ,wichtig und richtig, wie es ist!

Was ich hier sehr deutlich betonen möchte: Es geht mir dabei nicht darum, einen Weg aufzuzeigen, wie das Kind zu einem möglichst sinnvollen, produktiven Mitglied der Gesellschaft wird. Auch nicht darum, Kindern bestimmte Dinge beizubringen, damit sie sich erfolgreich positionieren können im späteren Berufsleben. Schön, wenn das dabei rum kommt- klar! Diese Betrachtungsweise aber ist für mein Empfinden eine enorme Objektivierung des Kindes, bei der sich der Erwachsene anmaßt, das Kind für seine Zwecke zu missbrauchen. Das ist übergriffig und für mich ethisch fragwürdig. Mir geht es vor allem um die moralische, MENSCHLICHE Betrachtungsweise. Kinder haben ein Recht auf eine freie Kindheit, die ihnen genau eines ermöglicht- Mensch zu sein. Wertgeschätzt zu werden, aufgrund dessen, was und wer sie sind. Zu werden und zu bleiben. Das das womöglich dazu führt, dass so aufwachsende Kinder später einen enormen Mehrwert für die zukünftige Wirtschaft darstellen könnten, weil diese eben genau die Kompetenzen, die diese Kinder in aller Ruhe ausbilden durften, benötigen wird- wunderbar.
Wenn das jedoch der Antrieb ist, sind wir genau dort, wo wir, zumindest ich, war und weg möchte, nämlich weg davon den Wert eines Menschen an dem Output seines Input in die Allgemeinheit zu messen. Genau dieser Maßstab setzt Eltern, Lehrer und alle anderen Menschen, die mit Kindern zu tun haben unter den Druck, alles dafür zu tun, den Wert ihrer Schützlinge zu steigern. In der guten Absicht das beste für ein Kind zu wollen, ihm Anerkennung und Wertschätzung in seinem Leben zu ermöglichen, führen diese daraus resultierenden Erziehungsbemühungen und Bildungsversuche zu einer, in meinen Augen erzwungenen und unnatürlichen Verformung der kindlichen Persönlichkeit. Ganz klares NEIN! Der Wert eines jeden Menschen ergibt sich allein aus der Tatsache, dass er ein Mensch ist!
Klein oder groß, ganz egal wie kategoriesierbar aufgrund ganz egal welcher Merkmale- jeder Menschen ist gleichviel wert wie ein anderer.
Davon aber einmal abgesehen, ist es ohnehin sehr anmaßend zu meinen, man könne wirklich verlässliche Aussagen hinsichtlich dessen treffen, was die Zukunft bringen und die Welt daher garantiert benötigen wird. Worüber wir diesbezüglich sprechen ist nichts weiter als Spekulation- wir wissen es einfach nicht! Wir können unsere Kinder nicht auf die Zukunft vorbereiten, weil wir von dieser schlicht keine verbindliche Ahnung haben.
Am Ende treibt uns hier die Angst, und diese halte ich grundsätzlich erstmal für einen inkompetenten Motor.

Wer wir als Kind sein dürfen legt fest, wer wir als Erwachsener sind. Wünschenswert wäre ein Erwachsener, dem innewohnt, was den Menschen in seiner Tiefe ausmacht. Unverändert. Echt. GUT!
Mit dem naturgegebenen Verlangen der Welt Bereicherung zu sein.
Als er selbst statt der, der er sein soll!

Mitgefühl oder auch gesunde Selbstachtung bspw. kann man nicht einfach später mal studieren. Allein deshalb schon wäre es sinnvoll, die Möglichkeit zu haben, diese so wichtigen Kernkompetenzen in jungen Jahren selbstverständlich und in aller Ruhe ausbilden zu dürfen. Ansonsten muss sich wohl irgendwann darüber Gedanken gemacht werden,  dieses Rüstzeug als Pflichtstudiengang anzubieten…

Das benötigt wenig, aber viel Vertrauen. Vertrauen in unsere Kinder, welches uns heute leider in beinahe sämtlichen Bereichen fehlt, vor allem auch deshalb, weil uns dieses Vertrauen, seinerzeit selbst noch ein Kind, auch nicht vom Erwachsenen entgegengebracht wurde. Wir sind aufgrund dieser Erfahrung und der daraus entstandenen Glaubenssätze und Denkmuster absolut überzeugt, dass Kinder nicht wüssten, was sie bräuchten. Wir halten sie tatsächlich für unfertige kleine Wesen, die wir zu etwas gescheitem zu machen haben. Wir sehen dies sogar als unsere erzieherische Aufgabe und Pflicht, weshalb wir ihnen wie selbstverständlich vorgeben, was sie wie, wann und wo zu tun haben.
Wozu?
Zu ihrem besten natürlich!
Oder eventuell doch eher, um unser eigenes Ziel zu erreichen?
Ein wohlerzogenes Kind, das so ist, wie Welt, Gesellschaft und somit auch Eltern und Lehrer als quasi verlängerter Arm, es haben möchten.

Was denkst Du?

 

4 Antworten auf „Jack MA auf der WEF in Davos“

  1. Ich denke Jack Ma ist ohnehin nicht der ideale Kandidat, wenn es darum geht Bildungsratschläge zu geben. Er hat es geschafft sich aus dem sozialistischen, autoritären System in China zu lösen und ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen – aber ich finde solche Geschichten sind genau das, was sie sind: exemplarisch. Nicht repräsentativ. Natürlich hat er Recht, wenn er sagt, dass es unser menschliches Vorstellungsvermögen ist, (sei es nun im Bezug auf Dinge, die es so noch nicht gibt -> abstraktes Denken oder im Hinblick auf Situationen die wir selbst noch nicht erlebt haben, aber trotzdem emotional verknüpfen können -> Empathie) welches uns von Maschinen aller Art unterscheidet, aber der Ansatz diese Fähigkeiten gezielt und zwar flächendeckend für „den Erfolg“ auf Höchstniveau reproduzieren zu wollen, ist absolut utopisch. Und wie schön gesagt: moralisch u. / ethisch bedenklich obendrein.
    Worüber wir als Gesellschaft sprechen sollten – abgesehen davon, dass unsere Kinder es in jedweder Hinsicht einfacher haben, wenn wir sie „sein lassen“ und nicht permanent in eine von unseren Zielen und Ängsten bestimmte Richtung drängen wollen – ist folgendes: Karrieren wie die von Jack Ma sind nicht beliebig reproduzierbar. Und das ist in Ordnung. Intelligenz in Kombination mit Ausdauer und Sozialkompetenz ist in der Berufswelt vor allem eines: Geschwindigkeit. Sie bestimmt wer am schnellsten „oben ankommt“ und wie lange er / sie dort bleibt.
    Wem das wichtig ist, der kann solch ein Ziel verfolgen. Für viele Menschen, sind aber andere Dinge viel „erfüllender“.
    Die Meisten von uns haben einen Job. Wir tun etwas, weil es uns Geld einbringt. Punkt. Wie viel, in welchem Ausmaß und wie lange, bleibt uns überlassen (solange wir nicht vom gleichen System leben wollen, dass zB in Deutschland Eltern dazu zwingt, ihre Kinder in die Schule zu schicken).
    Aber: es gibt jetzt schon einen großen Teil der Bevölkerung, der aufgrund seiner persönlichen Fähigkeiten und Eigenschaften, seinen Lebensunterhalt nicht ohne staatliche Hilfe bestreiten kann. Jede weitere Entwicklung in der Technologie wird diese Situation zusätzlich verschärfen. (Ferngesteuerte bzw selbststeuernde Fahrzeuge, vollautomatische Fabriken usw). Für innovative Ideen und Köpfe wird es immer ein Auskommen geben – aber wir sollten nicht vergessen, dass es Menschen gibt, denen die Ratschläge von Herrn Ma nie etwas nutzen werden. Und für diese Menschen ist es sicher besonders wertvoll, in einer Familie (idealerweise: Gesellschaft) aufzuwachsen, die uns nicht allein nach unserem „potentiellen wirtschaftlichen Ertrag“ beurteilt, sondern jedem Mensch von Geburt an, die gleiche Wertigkeit zuspricht. Allerdings braucht es dafür Strukturen, die allen Mitgliedern der Gesellschaft eine Chance auf Selbstwirksamkeit und Selbstverwirklichung bietet. Das sehe ich momentan weder in der Gegenwart, geschweige denn, in der immer komplexer werdenden Zukunft.
    Leider.

  2. Huhu… wowi, ich finde deine Gedanken zur Rede beeindruckend. Auch ich hatte sie erst mal sehr positiv aufgenommen und verstehe jetzt deine Gedanken voll und ganz. Wir wissen nicht was die Zukunft wirklich bringt. Und mein Sohn hat mich gelehrt auch die Idee vom „selbstbewussten ich will aber kind“ Abstand zu nehmen weil er, so wie seine Eltern, von Natur aus eher zurück haltend ist und erst aktiv wird vor fremden, wenn er weiß er kann es 100 %IG. Warum ihn ändern wollen? Er soll niemals denken, er muss viel Geld verdienen, erfolgreich oder besonders angesehen sein. Er soll dürfen was er mag und sich gut finden egal in welcher wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Lage er sich je befindet. Danke für deinen Blickwinkel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.